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Rathausstraße
Maritim und sympathisch - einfach einladend

Das «neue« alte Rathaus der Stadt Leer


Aus dem Fest-Bericht der Einweihungsfeierlichkeiten
am 29. Oktober 1894

Wir haben gebaut ein stattliches Haus,
Es gebe Gott den Segen
jahrein und jahraus!

(Bürgermeister Dieckmann)

Weithin sichtbar weist der hohe Rathausturm dem Besucher den richtigen Weg in die wunderschöne Altstadt der Stadt Leer. Direkt am idyllischen Binnenhafen gelegen, bildet das imposante Gebäude zusammen mit der historischen Waage ein malerisches Ensemble. Noch heute bezaubert das im Stil der deutschen Renaissance erbaute „Stadthaus“ seine Gäste, die staunend die prächtigen Decken- und Wandmalereien in den langen hallenartigen Fluren bewundern. Einst vom Aachener Professor Henrici entworfen und unter der Aufsicht des Stadtbaumeisters Carl Jipp von Maurermeister E. Schumacher aus Leer erbaut, gehört das heutige „alte“ Rathaus zu den herausragenden Sehenswürdigkeiten der Region.
Dabei war der Stadt Leer noch gar nicht so lange das Stadtrecht verliehen, als im Jahr 1894 dieses Stadtbild prägende Haus feierlich eingeweiht wurde. Gerade 71 Jahre waren seit Bestehen der städtischen Verfassung in Leer vergangen.

Einladung zur Einweihungsfeier
Einladung zur Einweihungsfeier

Aus der Festrede des damaligen Bürgermeisters Dieckmann:

„ ... Ich muss bekennen, für die Lebenszeit einer Stadt wollen 71 Jahre nicht viel bedeuten. – Aber tut es denn allein der Name? Sind nicht historische Tatsachen mächtiger als ein Wort? Im Jahre 1586 wurde der bekannte Geschichtsschreiber Ubbo Emmius von Norden nach Leer berufen, um das Rektorat der hier neu errichteten lateinischen Schule zu übernehmen. Er berichtet uns aus jener Zeit Ostfrieslands: ... Einige Flecken können mit Fug unter die Städte gerechnet werden, wenn sie städtische Verfassung hätten. Der größte, volkreichste und schönste unter ihnen – d.h. den Flecken – ist Leer an der Leda, nahe bei dem Einfluss derselben in die Ems, welcher wohl so groß und gut als manche auswärtige Stadt ist, auch viele derselben an Größe übertrifft und wegen des Handels und der Jahrmärkte in gutem Flor ist...

Auf die Geschichte des Fleckens und der Stadt Leer näher einzugehen, verbietet sich für mich im Hinblick auf die knappe Zeit, die unsere Festordnung mir lässt. Außerdem würde ich den meisten der Anwesenden damit nichts Neues bieten. Erlaubt und für mich geboten erscheint es mir aber heute, der Männer zu gedenken, welche bislang die Verwaltung der Stadt geleitet haben: Am 1. August 1823 wurde der bisherige Bürgermeister des Fleckens Leer, Abraham Ehrlenholtz, als wirklicher Bürgermeister der Stadt feierlich in sein Amt eingeführt. 1841 übernahm der Amts-Assessor Hilling und nach seinem Übertritt zur Königlichen Verwaltung im Jahre 1852 der Bürgermeister Schow aus Apenrade die Leitung der städtischen Verwaltung. Als Letzterer 1857 als Referent in das Königl. Hannov. Ministerium des Innern berufen wurde, nahm der schleswig - holsteinische Auditeur Julius Pustau seine Stelle ein. Im Jahre 1887 schied Pustau, 73 Jahre alt, aus dem Amte. Noch viele Namen wären zu nennen, die alle ihr Wissen und Können nach besten Kräften in den Dienst der Stadt gestellt haben, aber das würde zu weit führen.
Nur ein Name muss noch genannt werden, und das ist Bernhard August Schelten.

Was dieser Name für uns, für den heutigen Tag insbesondere bedeutet, das, hochverehrte Festversammlung, wird uns von der Gedenktafel in der Vorhalle des Rathauses erzählt. Am 11. Mai 1880 setzte der Rentier Schelten letztwillig die Stadt Leer zu seiner Universalerbin ein, legte ihr die Verpflichtung auf, einen Teil des Nachlasses zum Bau eines Rathauses zu verwenden und sprach den Wunsch aus, dass die Stadt zur Erhaltung des Andenkens an seine seit langen Jahren in Leer ansässige Familie an der Außenseite des Rathauses oder im Innern desselben eine seine Schenkung dokumentierende Votivtafel errichte. Bereits am 3. Februar 1881 starb Schelten. Die Stadt trat die Erbschaft an.

Sie hat ihre Verpflichtung, ein Rathaus zu bauen, erfüllt und den Wunsch des Testators, wie sich’s geziemt, geachtet. – Zu dem, was die Votivtafel uns über Bernhard August Schelten berichtet, möchte ich noch Einiges hinzufügen. Schelten verlor seinen Vater, den Landwirt Johannes Tilemann Dothias Schelten, im Jahr 1840, in demselben Jahre, in dem er das Licht der Welt erblickte. Seine Mutter verheiratete sich wieder. So kam es, dass Schelten seine Jugend im Hause seiner Großmutter, der Witwe des reformierten Superintendenten Bernhard August Schelten verbrachte. Er besuchte die hiesige reformierte Volksschule, dann das hiesige Progymnasium und später ein auswärtiges Gymnasium. Seine Absicht zu studieren gab er bald auf. Er ging nach Amerika, wo er sich am Sezessionskriege auf Seiten der Nordstaaten als Werbe-Offizier beteiligte. Nach einigen Jahren kehrte er in die Heimat zurück, lebte hier als Rentner und verstarb im Jahre 1881 an seinem Geburtstage.

Wenn das neue Rathaus herrlicher und größer sich gestaltet hat, als man sonst hätte hoffen dürfen, so haben wir es zweifellos der Schelten‘schen Erbschaft zu danken. Ich gehe aber noch weiter und sage: Wir danken dem Rentier Bernhard August Schelten überhaupt, dass wir schon jetzt ein neues Rathaus haben, denn ohne die Klausel im Testament, die uns zum Bau verpflichtete, säßen wir vielleicht immer noch im alten Rathause.

Das hat seine Aufgabe redlich erfüllt, schließlich ist alles Irdische vergänglich. Früher Privathaus, hat es seit dem Jahre 1827 städtischen Zwecken gedient. Aber es wurde schwach und schief. Ein Anbau, das es halten sollte, zeigt auch schon Risse.

Im Innern hatte die Sturmflut vom 12. Dezember 1883 zur Beschleunigung des Verfalls beigetragen. Im Dienstzimmer des Bürgermeisters stand damals das schlammige Wasser ¾ Meter hoch. Unsere Akten aus jener Zeit, am Winde getrocknet, tragen noch die Spuren jenes schrecklichen Tages. Wenn ich heute sage: wir haben das alte Haus gern verlassen, so mögen mir meine älteren Mitbürger nicht zürnen. Wer seine Mängel kennen gelernt, der muss gestehen, so ging ‘s nicht mehr.

Durch gute Abbildungen, die wir besitzen, soll auch kommenden Geschlechtern ermöglicht werden, sich den heutigen Zustand am Uferplatz vorzustellen. Der Bau der alten Hauses selbst wird in wenigen Monaten vom Erdboden verschwunden sein.

Keine Rose ohne Dornen...

Der mit dem ersten Preis gekrönte Entwurf, der auch von den städtischen Kollegien zur Ausführung erwählt wurde, steht jetzt vollendet da. ...

Das Rathaus heute

Am 19. August 1983, wurde hier in Leer wiederum ein neues Rathaus eingeweiht - ein schlichter Verwaltungsbau, der sich unauffällig in die Altstadt einschmiegt.

Das alte Rathaus platzte lange schon aus allen Nähten und war den praktischen Anforderungen an ein Behördenhaus nicht mehr gewachsen. Seit 20 Jahren hat das historische Rathaus seine Funktion als alleinige zentrale Stelle der Stadtverwaltung verloren. Doch trotz aller praktischen Funktionalität des modernen Verwaltungszentrums wird dieses dem wunderschönen Neo-Renaissancebau niemals den Rang streitig machen können. Nach wie vor finden die wirklich „großen“ Empfänge im prunkvollen Festsaal des „alten“ Rathauses statt und kein Gast der Stadt Leer würde die Flure des Funktionsbaus mit staunenden Blicken durchstreifen wollen.

Das Wahrzeichen der Stadt zwischen Leda und Ems bleibt bis auf weiteres der hohe, weithin sichtbare Turm des alten Rathauses inmitten der wunderschönen Leeraner Altstadt.

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